«Als ich bei Anastasia in der Taiga war, sagte sie mir, dass niemand Gott sehen kann, weil Sein Denken von so hoher Geschwindigkeit und Dichte ist. Da hab ich mir gedacht: Warum kann Er denn Sein Denken nicht verlangsamen, sodass die Menschen Ihn sehen können?

Der Alte hob seinen Stock und zeigte damit auf einen vorbeifahrenden Radfahrer. Sieh mal, Wladimir», sagte er. «Die Räder drehen sich, doch die einzelnen Speichen kann man nicht sehen. Du weißt, dass sie da sind, aber weil sich die Räder so schnell drehen, kannst du sie nicht erkennen. Mit anderen Worten: die Geschwindigkeit deines Denkens und deiner visuellen Wahrnehmung gestatten dir nicht, sie zu erkennen. Wenn der Radfahrer langsamer fährt, kannst du die einzelnen Speichen erkennen, aber nur verschwommen. Wenn er aber plötzlich anhielte, könntest du sie klar erkennen … allerdings würde er dann mit seinem Rad stürzen. Dann würde er nicht zum Ziel gelangen, weil ja seine Fahrt zum Stillstand gekommen ist. Und alles nur, damit du sehen konntest, dass sein Rad Speichen hat. Was aber würde dir das bringen? Was würde sich dadurch in dir oder in deiner Umgebung verändern?

Du würdest mit Sicherheit wissen, dass es Speichen gibt, das ist aber auch alles. Dann könnte der Radfahrer aufstehen und weiterfahren, aber andere würden ebenfalls die Speichen sehen wollen … und dafür muss er dann wieder und wieder stürzen. Wozu das Ganze?»

«Nun, um ihn wenigstens einmal gesehen zu haben.» «Was würdest du schon groß sehen? Ein Radfahrer am Boden wäre doch kein Radfahrer mehr. Du müsstest dir dann vorstellen, dass er einmal einer war. Genauso wäre auch Gott nicht mehr Gott, änderte Er die Geschwindigkeit Seiner Gedanken. Wäre es da nicht besser, du würdest lernen, schneller zu denken? Geht es dir nicht auch auf die Nerven, wenn dein Gesprächspartner schwer von Begriff ist? Ist es nicht sehr mühsam, sein eigenes Denken zu verlangsamen und sich an einen solchen Gesprächspartner anzupassen?»

«Stimmt. Um sich an einen Dummkopf anzupassen, muss man selbst einer werden.» «Genauso verhält es sich mit Gott. Damit wir Ihn sehen könnten, müsste Er sich mit Seinen Gedanken auf unser Niveau herab begeben, Er müsste so werden wie wir. Und wenn Er das dann tut, indem Er Seine Söhne aussendet, was sagt dann die Menge? — » «Warum tut so ein Sohn Gottes eigentlich kein Wunder … und sei es nur, damit die Ungläubigen von ihm ablassen und ihn nicht kreuzigen?»

«Wunder überzeugen die Ungläubigen ja nicht, sie reizen sie nur noch mehr. Wundertäter verbrennen sie auf dem Scheiterhaufen und rufen dabei: Außerdem hat Gott ja unzählige Wunder vollbracht. Du brauchst dich nur einmal umzusehen: Morgens der Sonnenaufgang, der Mondschein bei Nacht, die kleinen Käfer im Gras – sind das denn keine Wunder? Und der Baum hier …

aus Band 2 von Anastasia – die klingenden Zedern Russlands

Bildquelle: Pixabay

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